Der Nutzen der Fotografie für die Wissenschaft
In Publikationen, die dem Leser eine Menge Bilder präsentieren, dienen die Bilder der Illustration. Sie sollen ein Buch gefällig amchen. Das Spektrum des Bild-Gebrauchs ist weit und reicht von gezielt bis willkürlich. In wissenschaftlichen Publikationen scheint die Zahl der Bilder zuzunehmen, wenn es sich um weniger bekannte Sachverhalte handelt. Allerdings dürften auch die scheinbar bekannten Sachverhalte durch verbesserte Nutzung von Bildern erheblich vertieft werden können.
Dennoch gibt es eine verbreitete Enthaltsamkeit an Bildern in wissenschaftlichen Publikationen. Der Grund dafür: eine Unterbewertung der Bilder-Welt. Die Tradition der Wissenschaftler ist das Wort. In Zeiten, in denen Bilder drucktechnisch kommunizierbar waren, ist das unmissverständlich. Der Druck von vielen Bildern ist nun aber seit etwa zehn Jahren kein Problem mehr.
„Es bleibt eine Zukunfts-Aufgabe, die Bilder ernst zu nehmen – in mehreren
Dimensionen. Dies ist mitnichten ein Plädoyer für einen Bild-Gebrauch, wie er uns täglich in vielen Medien, vor allem im Internet, entgegenkommt. Auch dort werden Bilder nicht ernst genommen, am wenigsten in einer Tages-Zeitung, die sich sogar „Bild“ nennt, weil der Umgang mit ihnen semantisch korrupt ist.
Inzwischen darf man als bekannt voraussetzen, was sich an Foto-Theorie durch eine Fülle von Publikationen hindurchzieht: Daß jedes Bild Wirklichkeit selektiert. Daß es durch das Nadelöhr des subjektiven Bewußtseins hindurchgeht. Daß es von Kontexten abhängt. Daß diese unbewußt und teilweise bewußt im Gehirn gespeichert werden. Daß darin auch die Gebrauchsweisen des Bildes wie Aufgaben eingehen – unbewußt oder gezielt gestellt. [...]
Wenn man Quellen benutzt, muß man natürlich wissen, wie sie mit der Wirklichkeit arbeiten – auf welchem Weg (Methode) ein Bild die Wirklichkeit ergreift. Jedwede Fotografie ist ein Dokument – ebenso wie jede andere Quelle. Im wisssenschaftlichen Umgang mit allen Quellen tauchen immerzu ähnliche Fragen auf. [...]
Bilder drücken mit ihren Möglichkeiten einen Bereich aus, der ebenso zur Welt gehört wie die Worte. Übrigens entstehen in den Worten ebenfalls Bilder: Sprach-Bilder. Einer der frühesten Impulse in der Geschichte der Fotografie war die Erweiterung der Wahrnehmung. Daß Wissenschaften sich, abgesehen vom immer noch schwierigen Sonderfall Kunstgeschichte, bislang kaum auf Bilder einließen, ist das Problem ihrer historischen Herkunft. Meist verdrängten sie sinnliche Wahrnehmungs-Kanäle. Hinzu kam Bequemlichkeit: Auch Wissenschafftler neigen dazu, das Einfache dem Komplexen vorzuziehen – eine Falle mit Folgen. Und schließlich behauptete im 20 Jahrhundert eine stark verbreitete Kunst-Ideologie
kulturpolitisch fast totalitär die Subjektivität von Bildern – und suggerierte damit eine weithin abstrakte Eigenwelt. Als Antwort auf die komplexen Probleme im Umgang mit Bildern hat sich Wissenschaft weithin auf Worte reduziert, die sie für trennscharfe Begriffe hält. Das ist durchaus fruchtbar – aber nur als Tendenz. [...] Es gehört zwar zur Wissenschaft, so weit wie irgend möglich genau zu sein, aber dies ist immer nur in Annäherungen möglich. Das Problem der Genauigkeit haben Wissenschafts-Orthodoxien, die sich nicht oder kaum selbst befragen, immer schon naiv beantwortet: mit Ausgrenzen und Ignorieren. Nichts rechtfertigt jedoch das Verstellen von weiten Bereichen der Wirklichkeit. Ein ähnliches Problem wie bei den Bildern stellt sich für die Quellen, die wir als literarische Verarbeitung der Wirklichkeit schätzen können. Auch sie werden von den Wisssenschaftlern noch kaum als Quellen genutzt. [...] Es ist nun an der Zeit, seiner eigenen Herkunft kritisch gegenüber zu treten. Das bedeutet, eine Quellen-Kritik zu entwickeln, die die Welt der Bilder für die Wissenschaften produktiv nutzbar macht. In welcher Weise Wahrnehmung für Wissenschaften nutzbar ist, darüber entscheidet der Prozeß der Quellen-Kritik. In jedem Bild stecken mehrere Bereiche: Für die Wissenschaften am wichtigsten ist die Information, die aus dem abgebildeten Gegenstand selbst stammt. Die zweite Ebene: die Weise, wie der Bild-Produzent wahrnahm und verarbeitete. Die dritte Ebene: Kontexte. Die vierte Ebene: Gebrauchs-Weisen. Die fünfte Ebene: Rezeptions-Geschichte. [...] Genauso wie bei Worten und Sätzen muß man bei Bildern fragen, welchen Bezug Zeichen und Wirklichkeit zueinander haben. Ein Foto ist keine autonome Welt, sondern es steht für einen Zusammenhang. Quellen-Kritik ist die Mühe, dies zu erfassen. Nicht nur die objektiven Mitteilungen des Gegenstandes lassen sich nutzen, sondern auch die subjektiven. Sie zeigen Einstellungen, Verarbeitungsweisen und Anforderungen von Auftraggebern – kurz: von Menschen zum Gegenstand: Auch die Weisen ästhetischer Verarbietung in Bildern lassen sich sozialwissenschaftlich lesen – und können dadurch mehr oder weniger aufschlußreiche Quellen sein. Wenn Wissenschaften die Bilder als Quellen entdecken und eine produktive Quellen-Kritik entwickeln, werden sie ihre Inhalte bereichern.“
Günter, Roland (2001): Die Fotografie und ihr Nutzen für die Wissenschaft. In: geographische revue 1/2001, S. 43-52. (S. 45-47).
